Fall 8

Der Hausarzt weist eine 20 jährige Frau abends wegen Verdacht auf Blinddarmentzündung (lat. Appendizitis) in die chirurgische Abteilung eines Krankenhauses ein wegen akut aufgetretener Bauchschmerzen und Druckschmerz im rechten Unterbauch, die klassischen Zeichen einer Appendizitis. Im Krankenhaus wird ebenfalls ein Druckschmerz im rechten Un-terbauch festgestellt. Die Zahl der weißen Blutkörperchen war mit 12000 (Normalbereich bis 10000) bereits im pathologischen Bereich, worauf das Labor mit einem Sternchen hinter dem Wert hinwies. Bei dieser Konstellation war es erforderlich, die Patientin stationär zur Beobachtung aufzunehmen, wenn schon nicht umgehend operiert wurde. Auf keinen Fall durfte die Pat. nach Hause entlassen werden. Die Ärzte begründeten später die Entlassung damit, dass auch im linken Unterbauch ein Druckschmerz bestanden habe der ihrer Meinung auf eine gynäkologische Erkrankung hinwies, realisierten aber nicht, dass eine beginnende Unterbauchentzündung, verursacht durch eine bereits perforierte Appendizitis gerade dieses Zeichen aufweist. Da die Beschwerden bei der Pat. über Nacht zunahmen, suchte sie am nächsten Tag erneut die Klinik auf. Bei der jetzt vorgenommenen Operation fand sich ein bereits durchgebrochener Blinddarm mit massiver lebensbedrohender Keimbesiedelung der Bauchraumflüssigkeit, was die Operateure anhand der vermehrten, trüben und stinkenden Bauchraumflüssigkeit feststellten, bestätigt durch die bakteriologische Untersuchung des entnommenen Abstriches. Es erfolgte lediglich eine typische Blinddarmentfernung und eine Spülung des Operationsgebietes.

Als grobe Behandlungsfehler sind zu werten, dass auf eine Drainage des Douglasraumes, der sich am tiefsten Punkt des Bauchraumes befindet und deshalb als Schlammfang des Bauchraumes fungiert, weil sich hier sowohl im Stehen als auch im Liegen jegliches flüssiges Material sammelt, verzichtet wurde und keine modernen Breitbandantibiotika, die gegen alle pathogenen Darmkeime wirksam sind, gegeben wurden. Das von dem Narkosearzt vor der Operation einmalig verabreicht Augmentan, ein Penizillinpräparat mit verzögerter Ausscheidung, ist nicht gegen alle pathogenen Darmkeime wirksam, wie die bakteriolo-gische Untersuchung mit Resistenzbestimmung bestätigte.

Fahrlässigerweise wurde die Pat. bereits am dritten postoperativen Tag entlassen, obwohl ein Temperaturanstieg auf infektiöse Komplikationen hinwies.

Der weitere Verlauf ist durch die typischen Komplikationen: Infektion der Operationswunde und  Entstehung einer Eiteransammlung (lat. Abszess) im Unterbauch gekennzeichnet, wobei der Unterbauchabszess erst durch  eine Nachoperation mit anschließender Bauchraumdrai-nage  und Antibiotikatherapie  in einer Nachbarklinik erfolgreich behandelt wurde.

Zusammenfassend ist festzustellen:

Erstens: Dass die erstbehandelnden Chirurgen folgende Sorgfaltspflichten verletzten: Keine stationäre Beobachtung trotz dringendem Appendizitisverdacht und Entlassung am dritten postoperativen Tag trotz Anzeichen infektiöser Komplikationen.

Zweitens:  Unterlassene Bauchraumdrainage und postoperative Behandlung mit modernen Breitbandantibiotika und Metronidazolpräparaten, die gegen alle pathogenen Keime nach Blinddarmperforation  mit deutlichen Zeichen einer Bauchrauminfektion wirksam sind.

Drittens:  Falsch ist, wenn die Gerichtsgutachter behaupten, dass erst eine Indikation zur Antibiotikatherapie gegeben sei, wenn im Operationsgebiet beim Blinddarmdurchbruch eine Fibrinausschwitzung und Eiterbildung  erkennbar ist. Wissenschaftlich ist dagegen unbestrit-ten, dass eine Antibiotikatherapie zur Bekämpfung der Keiminvasion im Bauchraum mög-lichst  frühzeitig mit bekannt wirksamen Präparaten zu erfolgen hat und nicht erst, wenn Folgen der Infektion erkennbar sind. Dass  eine  Spülung des Operationsgebietes bei einem perforierten  Blinddarm genügt, um  eine Abszessbildung im  Bauchraum zu  verhindern, wie die Gerichtsgutachter behaupten, ist nicht richtig, wie  der vorliegende Fall beweist.

Die Ausführungen der Gerichtsgutachter Prof. Baumeister und Hatz aus München zu den Sorgfaltspflichtverletzungen und unterlassenen notwendigen Behandlungsmaßnahmen bei perforierter Appendizitis widersprechen der praktisch chirurgischen Erfahrung und den Behandlungsrichtlinien in nationalen und internationalen chirurgischen Lehrbüchern und Publikationen.