Bei einer 56 jährigen Frau besteht eine zu grosse Lücke beim Durchtritt der Speiseröhre durch das Zwerchfell mit einer Schwächung des Mageneingangsverschlusses ( latei-nisch: Hiatushernie mit Cardiainsuffizienz) und dadurch bedingtem Rückfluss von saurem Magensaft in die untere Speiseröhre mit erheblichen Beschwerden und bereits beginnender Verengung der Speiseröhre.
Ihr wird zu einer laparoskopischen Operation (im Volksmund Schlüssellochchirurgie) geraten.
Bei dieser neuen Operationsmethode werden, um eine Durchtrennung der Bauchmuskelatur durch einen grossen Schnitt zu vermeiden, von mehreren kleinen Schnitten aus eine Minikamera und starre röhrenförmige Instrumente in den Bauchraum eingeführt und dann unter Bildschirmkontrolle der operative Eingriff vorgenommen.
Als die Patientin aus der Narkose aufwacht, muss sie feststellen, dass sie einen Bauchschnitt quer über den ganzen Oberbauch unterhalb der Rippenbögen bis an beide Leibseiten von 37 cm Länge hat, der in der Folgezeit auch noch vereitert und erst nach mehr monatiger Behandlung mit einer breiten kosmetisch entstellenden eingezogenen Narbe verheilt und anhaltende Beschwerden verursacht.

Mit Recht stellt die Patientin die Frage, warum ein derartig langer Bauchschnitt nötig war.
Sie war zwar vor der Operation darüber aufgeklärt worden, dass ein Wechsel des operativen Vorgehens mit Bauchschnitt nötig werden könnte, aber nicht darüber, dass so ein grosser querer Bauchschnitt gewählt wird und nicht, wie sie später erfuhr, der nur 12-15 cm lange Standardzugangsschnitt längs in Oberbauchmitte, von dem aus jeder Facharzt für Chirurgie alle operativen Massnahmen zur Behandlung einer Hiatushernie mit Cardiainsuffizienz und auch die zusätzlich vorgenommene Magennervendurchtrennung und die notwendig gewordene Entfernung einer normal grossen Milz ohne weiteres vornehmen kann.
In der Chirurgie gilt die Regel, dass ein Chirurg vom Standardvorgehen abweichen kann, dies aber nachvollziehbar begründen muss.
Bei dieser Patientin wurden aber von den behandelnden Chirurgen als Begründung für den grossen Zugangsschnitt eindeutig Falschaussagen gemacht.
So erklärte der Direktor der betreffenden Universitätsklinik bei der mündlichen Verhandlung vor Gericht:
„Der kurze Standardzugangsschnitt in Oberbauchmitte längs war in den 70 ziger Jahren üblich. Inzwischen habe sich aber die chirurgische Technik weiter entwickelt und jetzt sei der Querschnitt der Standardzugang“.
Er kann aber keine Operationslehre oder ein Lehrbuch der Chirurgie benennen zur Stützung dieser Behauptung.
Auch das modernste Lehrbuch: Praxis der Visceralchirurgie, herausgegeben von Harder 2002 im Springerverlag, empfiehlt auf Seite 315 als Standardzugang den Oberbauchmittelschnitt.
Der eigentliche Operateur, Oberarzt der Klinik und auch Hochschulprofessor, gibt in der gleichen Gerichtsverhandlung zu Protokoll:
„Er habe den queren Oberbauchschnitt machen müssen, da es nicht allein um einen Eingriff am Magen ging, sondern auch um einen Eingriff im unteren Brustkorbbereich“.
Aus seinem Operationsbericht geht aber hervor, dass er den Zugang zum unteren Brustkorbbereich bereits vor der Bauchraumeröffnung durch eine sogenannte hintere Hiatoplastik durch Nähte verschlossen hatte, sodass die von ihm behaupteten Manipulationen im unteren Brustkorbbereich gar nicht mehr möglich waren, d.h. ebenfalls eine Falschaussage als Schutzbehauptung.

Die ersten Universitätsgutachter, beauftragt von der Schlichtungsstelle bei der Landesärztekammer, vertraten die Meinung, dass es den Operateuren überlassen bleiben müsste, welchen Zugangsschnitt sie wählen, und es auf einige Zentimeter mehr oder weniger nicht ankomme, und sie selbst häufig Oberbauchquerschnitte machen.
Die Gutachter verschweigen dabei aber, dass Oberbauchquerschnitte nur bei grossen Oberbauchoperationen, wie Leberteilentfernungen, Lebertransplantation oder grossen Krebsoperationen gemacht werden, niemals bei einer Hiatushernienkorrektur wie bei der Patientin.
Somit auch eine Schutzbehauptung durch Verschweigen der wirklichen Gegebenheiten.
Verschwiegen wird aber auch, dass hier ohne nachvollziehbare Begründung vom chirurgischen Standard abgewichen wurde, und es nicht nur um einige Zentimeter mehr Bauchdeckendurchtrennung ging sondern um einen doppelt bis dreifach so langen Bauchschnitt, ohne dass die Patientin darüber vorher aufgeklärt worden war.
So konnte sich die Patientin nicht primär für das offene Vorgehen entscheiden mit wesentlich kürzerem Bauchschnitt, deutlich kürzerer Operationszeit und wahrscheinlich glatt heilender kosmetisch annehmbarer Operationsnarbe in Oberbauchmitte.

Es wurde vom Gericht ein weiteres universitäres Gutachten eingeholt. Auch dieser Gutachter konnte keine Begründung für den maximal grossen Zugangsschnitt angeben, meinte aber, dass quere und längs geführte Zugangsschnitte jeweils Vor- und Nachteile hätten, im Prinzip aber gleichwertig seien.
Verschwiegen wurde aber, dass dies nur bezüglich der erforderlichen Länge des Zugangsschnittes gilt, wenn sowohl der Quer- als auch der Längsschnitt direkt über dem Operationsziel gemacht werden kann; was aber bei Operationen am Mageneingang aus anatomischen Gründen nicht möglich ist, da das Operationsziel hoch oben zwischen den spitz zulaufenden Rippenbögen liegt und deshalb nur der Längsschnitt direkt über dem Operationsziel erfolgen kann, und somit nur der Längsschnitt garantiert, dass der Bauchzugangsschnitt nur so gross wie unbedingt nötig gemacht wird, eine Forderung der modernen Chirurgie, da gezeigt wurde, dass allein die Durchtrennung der Bauchdecken bereits eine erhebliche Belastung der Patienten bedeutet.
Um grosse Bauchschnitte zu vermeiden, wurden ja die laparoskopischen Operationsmethoden entwickelt.

Der Autor als Privatgutachter konnte dann den wahren Grund für den maximal grossen Zugangsschnitt aufzeigen.
Vergleicht man nämlich die von dem aufklärenden Arzt vor der Operation angefertigte Skizze, in der die Trokareinstichstellen für das laparoskopische Vorgehen am Oberbauch eingezeichnet wurden, mit dem später erfolgten queren Zugangsschnitt, so folgt dieser exakt den Trokareinstichstellen.
Der grosse Zugangsschnitt wird also gemacht, um die Trokareinstichstellen ausschneiden zu können, da diese infolge der langen Operationszeiten der Schlüssellochchirurgie später zu Wundheilungsstörungen neigen und häufig sogar nur abheilen, wenn diese Stellen grossflächig ausgeschnitten werden.
Der maximal grosse Zugangsschnitt wird deshalb von diesen Operateuren gemacht, wenn ein Wechsel zum offenen Vorgehen notwendig wird und nicht etwa aus intraoperativen Erfordernissen, wie die Operateure und die Gerichtsgutachter behaupten.
Als dies dem letzten Gutachter vorgehalten wurde, schloss sich dieser der Meinung des Privatgutachters an, meinte aber, dass eine Aufklärung hierüber die Patientin überfordert hätte und deshalb nicht nötig war.

Eindeutig ein wesentliches Aufklärungsversäumnis, wenn man das Patientenrecht auf vollständige Aufklärung ernst nimmt.
Das Gericht wertete weder die bewiesenen Falschaussagen der behandelnden Chirurgen noch die mangelhafte Aufklärung der Patientin und vertrat im Urteil mit Klageabweisung sogar die Ansicht, dass die Befragung der Patientin durch das Gericht während der mündlichen Verhandlung ergeben hätte, dass die Patientin sich auch hätte operieren lassen, wenn sie vorher gewusst hätte, dass der grosse quere Bauchschnitt gemacht würde, obwohl die Patientin in der Verhandlung vor allen Anwesenden dem Gericht wörtlich sagte:
„Ich habe meinem Hausarzt und den Chirurgen geglaubt, dass eine Operation notwendig sei, hätte aber einen derartig grossen Bauchschnitt niemals akzeptiert“.
Irgendwie muss man bei diesem Verfahren unwillkürlich an das Dorfgericht des Richters Adam im zerbrochenen Krug denken.
Kleist lässt allerdings einen Revisor das merkwürdige Vorgehen des Richter Adam korrigieren.
Im vorliegenden Verfahren sah dagegen auch das Berufungsgericht keinen Anlass, das Ersturteil aufzuheben.

Fazit: Die betroffenen Chirurgen und die Gerichtsgutachter können alles behaupten.
Ihre Aussagen werden vom Gericht anstandslos akzeptiert und als Beweis gewertet. Die Ausführungen eines habilitierten Privatgutachters, auch wenn er über eine 20 jährige Erfahrung als leitender Krankenhauschirurg verfügt und seine Aussagen in nationalen und internationalen Lehrbüchern, die dem Gericht in Fotokopien vorgelegt wurden, bestätigt werden, werden vom Gericht nicht beachtet.
Das Erst- und Berufungsgericht beachteten ausserdem überhaupt nicht die Tatsache, dass die Patientin unvollständig aufgeklärt worden war und damit ihre Operatonseinwilligung ungültig war.
Das Patientenrecht auf richtige und vollständige Aufklärung, wie aus dem Bundesgesundheits- und Justizministerium wiederholt gefordert, muss offenbar erst noch in der Praxis durchgesetzt werden.