Fall 16

Ein Oberlandesgericht akzeptierte falsche und widersprüchliche Aussagen der Gerichtsgutachter nach chirurgischen Behandlungsfehlern mit Gesundheitsschaden eines Patienten zur Klageabweisung.

                                                                                           

 Ein 40-jähriger Mann suchte um Mitternacht am 6. 7. 2006 die Ambulanz einer Mannheimer chirurgischen Klinik wegen zunehmender Bauchschmerzen mit Erbrechen auf. Ein Druckschmerz im rechten Unterbauch war vorhanden, Laborwerte waren aber normal. Er wurde stationär zur Beobachtung aufgenommen, da zunächst keine eindeutige Diagnose möglich war. Am folgenden Vormittag hatten die Bauchschmerzen zugenommen. Es wurde das morphinähnliche starke Schmerzmittel  Dipidolor verabreicht. Ein grober Behandlungsfehler, weil dies die Schmerzhaftigkeit einer akuten Appendizitis, die als mögliche Diagnose in Frage kam und eine sofortige Operation erforderte, kaschiert. Am folgenden Tag nahmen die Bauchschmerzen zu. Die Laborbefunde und die Ultraschalluntersuchung wiesen jetzt auf eine Appendixperforation hin. Nochmal wurde Dipidolor gegeben, und der Patient erst 10 Stunden später  operiert. Es fand sich ein durchgebrochener hochentzündlicher Blinddarm mit bereits deutlichen Zeichen einer beginnenden eitrigen Bauchfellentzündung. Der Blinddarm wurde entfernt und der Unterbauch gespült.

Nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie war die Gabe der Antibiotika Clont und eines Breitspektrumantibiotikums erforderlich. Clont wurde gegeben, aber anstelle eines Breitspektrumpräparates lediglich Sobelin, das aber aus chirurgischer Erfahrung und, wie die bakteriologische Testung nach 3 Tagen ergab, wirkungslos gegenüber den vorhandenen Keimen war.

Ungewöhnlich schnell entwickelte sich in den ersten 3 postoperativen Tagen bei dem Patienten eine Infektion der Operationszugangswunde und davon ausgehend, eine Entzündung der rechten Bauchseite bis in den Oberschenkel reichend. Anstelle des Sobelin wurde erst jetzt nach 3 Tagen ein Breitspektrumpräparat gegeben. Ansonsten wurde lediglich die Operationzugangswunde eröffnet und gespült. Obwohl computertomografisch Gaseinlagerung in den Bauchdeckenschichten erkennbar war und die Entzündungsparameter im Blut dramatisch erhöht waren, wurde erst nach 9 Tagen chirurgisch interveniert. Hierbei wurde eine  eitrige Zerstörung der Muskel-Faszienschicht der Bauchdecke gefunden. In mehreren Eingriffen mussten die betroffenen Bereiche entfernt werden.

Die folgenden plastischen Korrekturoperationen konnten die Bauchwandstabilität nicht wieder herstellen. Der Patient muss ein Stützkorsett tragen und ist erwerbsunfähig in seinem Beruf als Busfahrer.

 

Im Klageverfahren vor der ersten Zivilkammer des Landgerichts Mannheim  wurde ein Gerichtsgutachten aus der chirurgischen Universitätsklinik München von Herrn Professor  Hofmann erstellt und unterschrieben vom Direktor der Klinik Herrn Prof. Dr. Karl-Walter Jauch, der 2013 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie war. Behandlungsfehler wurden verneint.

In der mündlichen Verhandlung am 13.5.2011 vor dem Landgericht Mannheim machte Herr Prof. Jauch aus München folgende Aussagen:

Erstens: Die in der Chirurgie bekannte Regel: Keine Gabe starker Schmerzmittel bei Patienten während Beobachtung unklarer Bauchbeschwerden negierte Herr Prof. Jauch, obwohl gerade dieser Fall wiederum beweist, dass dadurch eine zunächst harmlose Appendizitis nicht erkannt wird. Herr Prof. Jauch  gab aber zu, dass der Patient zu spät operiert wurde.

Zweitens: Zur Gabe des Sobelin in den ersten 3 postoperativen Tagen, in dem Zeitraum, in dem die massive Infektion der Bauchdecken eintrat, sagte Herr Prof. Jauch laut Sitzungsprotokoll, Zitat: „Es trifft zu, dass bei einer Perforation  des Darmes  Clont und ein Breitspektrumantibiotikum gegeben werden. Sobelin ist kein Breitbandantibiotikum. Wir hätten in München nicht Sobelin gegeben. Ich kann deshalb bestätigen, dass die antibiotische Therapie in den ersten 3 Tagen nach der Operation nicht dem Standard entsprach. Die Gabe von Sobelin bezeichne ich als ungewöhnlich“.

Drittens: Zur Frage der um 9 Tage verspäteten chirurgischen Intervention der Bauchdeckeninfektion mit Entwicklung von Faszien- und Muskelvereiterung sagte Herr Prof. Jauch, Zitat:“ Wenn man früher aggressiv vorgegangen wäre, wäre möglicherweise der Muskeldefekt und damit die Beeinträchtigung der Bauchdecke insgesamt geringer gewesen“

Daraufhin  vertrat das Gericht die Ansicht, dass die Kombination: verspätete Operation, falsche Antibiotikagabe in den ersten 3 postoperativen Tagen und die um 9 Tage  verspätete chirurgische Intervention der Bauchdeckeninfektion insgesamt als grober Behandlungsfehler zu werten ist und sprach dem Kläger eine Entschädigung zu.

Die Beklagtenseite begründete die Berufung mit dem Hinweis, dass zwischen dem Gerichtsgutachten des  Prof. Hofmann und des Prof.  Jauch und den Aussagen von Prof. Jauch vor dem Landgericht Mannheim bezüglich gemachter Behandlungsfehler Widersprüche vorhanden sind, die vom Landgericht nicht geklärt wurden.

In der Berufungsverhandlung vor dem 7. Zivilsenat des Oberlandesgerichts in Karlsruhe unter dem Vorsitz des Richters Dr. Gehring sagte Herr Professor Jauch am 24.4. 2013  Folgendes:

 

 

Erstens: Zum Problem verspätete Operation. Jetzt vertrat Herr Prof. Jauch die Ansicht, dass der Patient noch in einem vertretbaren Zeitraum und nicht verspätet operiert wurde, obwohl er vor dem Landgericht Mannheim den Operationszeitpunkt als zu spät bezeichnete.

Zweitens: Zum Problem Sobelingabe in den 3 ersten postoperativen Tagen sagte Herr Prof. Jauch jetzt: „Die Sobelingabe war gerechtfertigt, weil  im Gegensatz zu den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie nach den Richtlinien der Paul Ehrlich Gesellschaft Sobelin als Mittel der Wahl auch bei Bauchrauminfektion bezeichnet wird.“  Herr Prof. Jauch verschwieg aber dem Gericht, dass nach der „Roten Liste“ mit verbindlichen Angaben über Arzeneimittelanwendungen eine Sobelinanwendung nur gerechtfertigt ist, wenn gesichert ist, dass die vorhandenen Keime auch sobelinempfindlich sind. Da dies aber nur durch bakteriologische Testung möglich ist und 3 Tage dauert, wie im vorliegenden Fall, so darf Sobelin bei einer Darmperforation nicht eingesetzt werden , da hierbei eine sofortige Wirksamkeit des Antibiotikums erforderlich ist und dies nur durch Breitbandantibiotika gewährleistet wird.

Drittens: Widersprüchlich sind auch die Angaben des Herrn Prof. Jauch zum Problem chirurgische Intervention erst  9 Tage nach Beginn der ausgedehnten Bauchdeckeninfektion. Aussage in Mannheim: Es wäre sicher besser gewesen, die Entzündung früher aggressiv anzugehen. Jetzt in Karlsruhe sagt Herr Prof. Jauch: Nach dem damals vorhandenen Wissen ist man adäquat vorgegangen.

 

                                                           Fazit:

Widersprüchliche und falsche Aussagen von Gerichtsgutachtern  werden von einem Oberlandesgericht nicht als Verlust deren Glaubwürdigkeit gewertet, sondern werden trotzdem zur Begründung der Klageabweisung benutzt.

 

 

 

Copyright Prof. Dr. med. Arno Krug 2015