Fall 14

Durchtrennung des Hauptgallenganges bei laparoskopischer Gallenblasenentfernung mit sofortiger Reparation.

Bei einer jungen Frau wird wegen nachgewiesener Gallensteine eine laparoskopische Gallenblasenentfernung (lateinisch Cholecystektomie) vorgenommen. Dabei kommt es zur Durchtrennung des Hauptgallenganges. Zum Glück erkennen dies die Operateure. Ein erfahrener Operateur vereinigt den Gallengang über einem in den Gang eingelegtes T-Drain, das nach außen abgeleitet wird. Da das T-Drain erst nach mehreren Wochen entfernt werden kann, um die Heilung des Hauptgallenganges nicht zu gefährden, verursacht das Drain Beschwerden,  deshalb wendet sich die Patientin an einen Rechtsanwalt, der eine Schadensersatzklage anstrengt. Kurz vor dem Prozess wird der Autor  um ein Privatgutachten gebeten.

 Leider musste ich der Patientin mitteilen, dass ich Ihr nicht helfen kann, den Prozess zu gewinnen. Wäre ich vor  Beginn der juristischen Auseinandersetzung mit dem Fall befasst gewesen, hätte ich die Patientin wenigstens vor der finanziellen Belastung bewahren können, da ich meine gutachterliche Tätigkeit im Interesse  Medizingeschädigter auch dahingehend verstehe, Pat. vor sinnlosen Prozessen zu warnen. 

Aus folgenden Gründen bestand keine Chance,  juristisch  etwas zu erreichen, und dies hätte der Pat. ein im Medizinrecht erfahrener Anwalt sagen müssen:

In der Chirurgie sind nicht bereits mögliche Komplikationen entschädigungspflichtig sondern erst wenn die Komplikationen nicht sachgerecht (lateinisch lege artis) behandelt werden. Die unabsichtliche Durchtrennung des Hauptgallenganges bei einer laparoskopischen Cholecystektomie ist nicht so selten. Wenn aber in gleicher Sitzung durch Umstieg auf das offene Vorgehen der durchtrennte Gallengang von einem erfahrenen Operateur wieder mittels Naht sachgerecht verbunden wird über einem T-Drain, das nach außen geleitet wird, dann wurde kein  justiziabler Behandlungsfehler gemacht. Die Drainage kann erst nach mehreren Wochen gezogen werden, um die Heilung der Gallengangsnaht zu gewährleisten, wobei ich 6 Wochen für angemessen halte. Die damit verbundenen glaubhaften Beschwerden sind nicht schadenseratzpflichtig.

Angreifbar ist die fehlende Aufklärung, dass auch heute noch die laparoskopische Cholecystektomie mit einer 2-3 fach höheren Komplikationsrate belastet ist im Vergleich mit dem bewährten offenen Vorgehen. Dieses in der Regel vorhandene Aufklärungsversäumnis wird aber von den Gerichten nicht anerkannt mit der Begründung, dass der Patient nicht beweisen kann, dass er sich nicht laparoskopisch hätte operieren lassen, wenn er das gewusst hätte, weil bei glattem Verlauf geringere Narben und ein kürzerer Krankenhausaufenthalt ihm versprochen wurde. 

Patienten werden nach Durchtrennung des Hauptgallenganges nur dann entschädigt, wenn die Durchtrennung des Ganges erst nach Tagen erkannt wird, und dann mehrfache Korrekturoperationen nötig werden, im schlimmsten Fall mit notwendiger Lebertransplantation. Dies ist der Pat. erspart geblieben; deshalb bestand keine Chance einen Prozess zu gewinnen.

Copyright Prof. Dr. med. Arno Krug 2010