Fall 13

Kindstötung durch eine junge Mutter infolge Wochenbettpsychose – erst der zweite Privatgutachter erreicht Freispruch.

Eine junge Frau wirft ihre neugeborene Tochter ihrem Ehemann vor die Füße. Das Kind ist sofort tot. Die Frau wird wegen Mordes angeklagt und kommt in Haft. Der viel gefragte forensische Psychiater Professor Glatzel, Mainz, langjähriger Lehrstuhlinhaber, Autor bekannter Lehrbücher und glänzender Fachartikel sowie Hausgutachter des Gerichtes und die mit ihm zusammen- arbeitende Psychologin erklären die Frau für voll schuldfähig; somit drohen Ihr viele Jahre Gefängnis. Der erste Privatgutachter Prof. Röschke, auch ein Psychiatrieprofessor, kommt dagegen zu dem Ergebnis, dass bei der jungen Mutter zum Tatzeitpunkt das Vollbild einer ausgeprägten Wochenbettpsychose vorlag und deshalb die Frau uneingeschränkt schuldunfähig ist. Das Röschke-Gutachten beeindruckt die Mainzer Staatsanwaltschaft wenig, die Frau wird  wegen Mordes an ihrer Tochter verhaftet. Das Landgericht stützt sich in seinem Beschluss auf das Gutachten von Prof. Glatzel und auf dessen neue Stellungnahme zum widersprechenden Gutachten des Psychiaters Prof. Röschke. Von da an wird die entlastende Expertise des Prof. Röschke von der Mainzer Strafjustiz nur noch als „Privatgutachten“ abgetan.

Auf Betreiben des engagierten Verteidigers der Frau und der betuchten Angehörigen kann der renommierte forensische Psychiatrieprofessor Körber aus der Charite / Berlin eingeschaltet werden. Dieser kommt nach Sichtung der Unterlagen und genauer Erhebung der Vorgeschichte zu dem Ergebnis, dass tatsächlich eine Wochenbettpsychose zur Tatzeit bestand und damit Schuldunfähigkeit anzunehmen ist, weil er dem Gerichtsgutachter Prof. Glatzel und der Psychologin schwere Begutachtungsfehler und damit Unglaubwürdigkeit nachweisen konnte. Damit war das vierjährige Martyrium der jungen Frau und ihrer Familie beendet, weil das Gericht die Frau nun wegen Schuldunfähigkeit freisprach.

Fazit: Ein für die betroffene junge Frau katastrophales Fehlurteil, bedingt durch schlampige Gutachten eines Gerichtsgutachters und einer Psychologin konnte doch noch durch einen  zweiten Privatgutachter korrigiert werden – ein seltener Fall (ausführliche Schilderung des Falles in der Wochenzeitschrift die “Zeit“ Jahrgang 2006  Nr.29   Seite 11 mit dem Titel: Tödliche Mutterliebe).     

Copyright Prof. Dr. med. Arno Krug 2010