Fall 12

Durch Chirurgenpfusch verursachte Querschnittslähmung bei einem Kind.

Bei einem normalgeborenen Mädchen wurde kurz nach der Geburt eine Verengung der Hauptschlagader 20 cm hinter dem Herzen (lateinisch Aortenisthmusstenose) festgestellt. Obwohl sich das Kind normal entwickelte, zunahm und keine Beeinträchtigung der Herzleistung (lat. Herzinsuffizienz) bestand, wurde das Kind schon 6 Wochen nach der Geburt, unnötigerweise zu diesem frühen Zeitpunkt, operiert. Infolge offenbar operationstechnisch überforderter Operateure, kurz Chirurgenpfusch, musste die Hauptschlagader (lat.Aorta) für 59 Minuten abgeklemmt werden. Da nur einen Abklemmung bis zu 20 min ohne Rückenmarksschädigung toleriert wird, war das Mädchen anschließend querschnittsgelähmt.

Welche ärztlicherseits vorwerfbaren groben Behandlungsfehler waren die Ursache für dieses katastrophale Behandlungsergebnis?

Erstens: Aus der Literatur ist bekannt, dass eine derartige Operation so früh nach der Geburt nur unter bestimmten Voraussetzungen gemacht werden darf, da so früh nach der Geburt vermehrt Komplikationen operationstechnischer Art bekannt sind, weil die Gefäße einfach noch nicht genügend ausgebildet sind. Solange keine Herzinsuffizienz vorhanden ist, wie bei dem Mädchen, toleriert der wachsende  Organismus die Gefäßverengung, sodass später gefahrloser operiert werden kann. Somit war bereits die Operationsindikation falsch!

Zweitens: Die Operateure in dem österreichischen Krankenhaus wählten statt der einfachen innerhalb von 20 min herzustellenden Endzuendvereinigung der Aorta nach der Exzision der Engstelle eine technisch komplizierte Erweiterungsplastik. Es kam zu einer Blutung aus der aufwendigeren Gefäßnaht. Deshalb musste die Aorta insgesamt 59 min lang abgeklemmt werden. Die Folge war: Rückenmarksschädigung mit Querschnittslähmung. Hinzu kam, dass bei der Aortenabklemmung  zusätzlich wegen einer anatomischen Anomalie, die rechte Arteria subclavia (eins der wichtigen Versorgungsgefäße für die untere Körperhälfte und damit für das Rückenmark bei einer Aortenabklemmung) mit abgeklemmt werden musste. Schon deshalb hätten die Operateure das einfachere Operationsverfahren wählen müssen.

Die im Klageverfahren benannten zwei Gerichtsgutachter beurteilten das katastrophale Operationsergebnis als schicksalhaft. Indikations- und Operations-fehler wurde verneint, obwohl der Privatgutachter aufgrund eigner gefäßchirurgischer Erfahrungen und Literaturrecherche folgende Falschaussagen nachweisen konnte.

Erstens: Eine Operationsindikation habe bestanden, weil bei dem Kind an der Aortenenge ein Druckgradient von 60 mm Hg bestand, und dadurch Komplikationen in Form von Schlaganfällen sowie Herz- und Gefäßschädigung gedroht hätten. Dass dies aber nur bei Patienten jenseits des Wachstumsalter droht, wurde verschwiegen. Der kindliche Organismus toleriert die Aortenenge durch vermehrte Kollateralgefäßbildung. Dies ist der Grund, warum früher Aortenisthmusstenosen erst bei der Einschulungs- oder sogar erst bei der Rekrutenuntersuchung festgestellt und dann gefahrlos operativ beseitigt wurden.

Zweitens:  Intraoperative Komplikationen, vor allem Blutungen aus Gefäßverbindungen sind nicht schicksalhaft sondern verursacht durch operationstechnisches Versagen der Operateure: kurz Chirurgenpfusch! Dies verschweigen die Gerichtsgutachter ebenfalls!

Fazit: In Österreich berücksichtigen offenbar Gerichte auch nicht die Argumente erfahrener Privatgutachter. Dieser Fall zeigt, wie wichtig es wäre, eine verschuldensunabhängige Gefährdungshaftung auch in der Medizin, wie im Straßenverkehr einzuführen. Im Verkehrswesen haben nämlich Unfallgeschädigte Anspruch auf Schadensersatz, gezahlt von der Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers.

Gerichtsgutachter: Prof. Rigler / Graz und Prof. Rein / Stuttgart

Copyright Prof. Dr. med. Arno Krug 2010