Chirurgen können einen Behandlungserfolg nicht garantieren, zu komplex sind die Faktoren, die zum Heilerfolg beitragen;
so zum Beispiel das Alter des Patienten, Vor- und Begleiterkrankungen, ein Krebsleiden das bereits soweit fortgeschritten ist, das eine Heilung nicht mehr möglich ist.
Ein unbefriedigendes Behandlungsergebnis kann aber auch zustande kommen durch chirurgische Kunst- und Behandlungsfehler oder eine Verkettung unglücklicher Umstände. Sind die letztgenannten Ursachen verantwortlich für einen Misserfolg, hat der Patient ein Anrecht auf Entschädigung.
Im Einzellfall ist es mitunter schwer zu entscheiden, ob chirurgische Kunst- und Behandlungsfehler zum Misserfolg geführt haben oder die erstgenannten Faktoren verantwortlich sind.
Um diese Frage zu klären, werden vom Gericht von entsprechenden Experten Gutachten eingeholt. Die Gutachter sind eigentlich verpflichtet neutral, umfassend und sachgerecht, unbeeinflusst von Kollegialitätsrücksichtungen, die Gründe für den chirurgischen Eingriff (Operationsindikation) , das chirurgische Vorgehen sowie die postoperativen Behandlungsmassnahmen zu analysieren, um dann die Frage zu beantworten, ob Kunst- und Behandlungsfehler und/oder Sorgfaltspflichtverletzungen, die einem Facharzt für Chirurgie nicht unterlaufen sollten, gemacht wurden.
Wichtig ist auch die Beurteilung, ob etwaige Komplikationen rechtzeitig erkannt und sachgerecht behandelt wurden. Die Beantwortung dieser Frage ist wichtig, da beim rechtzeitigen Erkennen von Komplikationen diese in der Regel noch wirkungsvoll behandelt werden können.
Zur Katastrophe kommt es erst, wenn bei der Behandlung der Komplikationen entscheidende Fehler gemacht werden (Siewert und Mitarb. 1993).
Wichtig ist ausserdem, ob der Patient vor dem Eingriff, insbesondere bei neuen noch nicht über einen längeren Zeitraum erprobten Operationsverfahren, richtig und umfassend aufgeklärt wurde, um rechtskräftig in den geplanten Eingriff einwilligen zu können.
Wie die folgende Dokumentation aus der Begutachtungspraxis in den Schadensfällen zeigen wird, wurden in diesen Fällen entgegen den geltenden berufsethischen Prinzipien, auch von Universitätsgutachter, Vertuschungsgutachten erstellt, und dadurch verhindert, dass die Patienten für den durch chirurgische Kunst- und Behandlungsfehler erlittenen Schaden entschädigt wurden.
Der entscheidende Nachteil auf Patientenseite besteht darin, dass der Patient, sein Anwalt und das Gericht nicht über die medizinischen Kenntnisse verfügen, um zu erkennen, inwieweit die Gutachter eben nicht wahrheitsgemäss urteilen, Kunst- und Behandlungs-fehler nicht benennen oder verharmlosen und den Behandlungsmisserfolg als schicksalshaft bedingt erklären und Aufklärungsversäumnisse verneinen.
Durch dieses Fehlverhalten der Gutachter wird eine wichtige Möglichkeit zur Verbesserung der chirurgischen Behandlung nicht genutzt.
Eine anonyme objektive Analyse und Veröffentlichung chirurgischer Kunst- und Behandlungsfehler wäre nämlich ein ideales Instrument, um zukünftige Kunst- und Behandlungsfehler zu vermeiden. In der Industrie ist es üblich, z.B. nach Flugzeugabstürzen oder anderen Katastrophen, durch eine Fehleranalyse wichtige Erkenntnisse zur Vermeidung künftiger Unfälle zu gewinnen. Auch für die chirurgische Praxis wird eine schonungslose Fehleranalyse gefordert (Troidl und Mitarb. 1993), um aus den Fehlern zu lernen.
Leider wird dies in der Gutachterpraxis häufig aus falsch verstandener Kollegialität versäumt.